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Sein im Hier und Jetzt

12. November 2019, Berufspraktikant - Geistesblitz

" Ein jegliches hat seine Zeit, und alles Vorhaben unter dem Himmel hat seine Stunde"

Heute ist es endlich soweit! Ich treffe Freunde wieder, die ich schon lange nicht mehr gesehen habe. Dafür stehe ich am Kröpcke und warte, warte auf die, die mir wichtig sind und mit denen ich Zeit verbringen möchte. Währenddessen sehe ich im Herzen Hannovers viele verschiedene Menschen. Sie lachen, unterhalten sich und sind dabei ständig in Bewegung. Niemand rastet für einen Augenblick. Es geht immer weiter. Und so beobachte ich und warte...
Antworte noch auf einige Nachrichten auf dem Handy und dann geht es auch schon los, mit meinen Freunden, in das nächste Kaffee. Die Stimmung ist gut und wir unterhalten uns angeregt! Die Gespräche sind wundervoll, mitreißend, emotional und dennoch sind wir alle nicht immer ganz da und das, obwohl die Stimmung doch so wundervoll ist. Wir sitzen in einem kleinen Kaffee ganz eng beieinander und doch sind wir in manchem Moment soweit weg.
Wir alle sind nicht nur immer an diesem einen Ort und vor allem ich selbst bin gut darin, nicht immer voll dabei zu sein bzw. mich ablenken zu lassen.
In jedem Gespräch vibriert mein Handy, das ist die erste Zeit auch vollkommen in Ordnung, es wird einfach ignoriert, aber irgendwann wird es mehr, die Nachrichten flattern in kürzeren Abständen rein... "Warum so viele Nachrichten? Ist etwas passiert?" auf diesen Gedanken folgt ein weiterer. "Nur ein kurzer Blick" so meine Ausrede für mich selbst. Das Handy ist in meiner Hand und der Bildschirm blitzt auf. Verschiedenste Nachrichten aus Gruppenchats und privaten Gesprächen kommen zum Vorschein. Die Gespräche am Tisch laufen weiter, ich beteilige mich immer noch, aber nicht mehr mit so vielen Worten wie vorher. Einige Nachrichten erscheinen mir wichtig und ehe ich mich versehe, habe ich das Handy schon entsperrt.
"Hmmh, wenn ich ihm jetzt geantwortet habe, muss ich ihr auch antworten, weil ich ja online war..." und so folgt die nächste Ausrede, um weiter die offenen Chats zu beantworten und für mich einen Abschluss zu bekommen.
Von der anderen Tischseite kommt plötzlich: "Hey bist du noch hier? Musst du gerade was Wichtiges klären? Dann mach das eben und dann pack das Ding doch mal weg!"
Auch meine Freunde sind am Chatten, aber der Fokus wird nur kurz und vielleicht nur ein oder zweimal bei so einem Treffen gewechselt, dies auch nur, wenn es etwas für die Rückfahrt zu klären gibt oder mal ein Notfall entsteht und dann wird es durch ein Telefonat geklärt. Ich hingegen weiß oft nicht, wo ich mich gerade befinde.
Physisch ist mir klar, dass ich in diesem Café sitze, aber wo ist mein Geist? Wo sind meine Gedanken? Bin ich gerade in diesem Café mit meinen Freunden, die ich seit Monaten nicht gesehen habe? Oder bin ich gerade in meinem Ehrenamt, weil es dort wichtige Dinge zu klären gibt, für die nächste Veranstaltung? Das geht natürlich nur jetzt und in diesem Moment. Oder plane ich gerade schon das nächste Treffen mit anderen? Für Gespräche mit Personen, die ich eh bald sehe und die keiner Klärung bedürfen? Wo ist eigentlich mein Fokus?
All diese Fragen habe ich mir oft nach den Treffen mit Personen gestellt, die mir wichtig sind. Ich bin oft an so vielen Orten und das nur durch meine ständige Erreichbarkeit.
Die heutige Zeit erfordert Flexibilität und Erreichbarkeit, aber zu welchem Preis? Es hat für mich Jahre gedauert - und ja auch in manchen Situationen dauert es noch - bis ich begriffen habe, dass es schlimmer ist, einer Situation hinterher zu trauern, die ich selbst hätte besser gestalten können.
Die Erreichbarkeit und Flexibilität endet dort für mich, wo die Begegnung beginnt. Der Klingelton wird ausgeschaltet, genau wie die Vibration, und wenn mein Kopf zu befangen ist, dann muss auch das Handy mal komplett ausgeschaltet werden. Die Momente durch einen Chatverlauf oder Bilder wiederzusehen, hat nicht den gleichen Stellenwert für mich wie die Begegnung.
Ein jegliches hat seine Zeit und alles Vorhaben unter dem Himmel hat seine Stunde und wenn die Begegnung beginnt, dann bin ich physisch und geistig an Ort und Stelle. Den Fokus setzen wir selbst, es wird immer Ausnahmen geben. Tage, an denen es einem selbst nicht gut geht, und der Fokus schwankt. Doch an guten und normalen Tagen bestimmen wir, wo wir sein wollen und dann darf das Handy klingeln wie es will!

Wenn ich zu meiner Tasse Kaffee greife und einen großen Schluck daraus nehme und mir die Neuigkeiten anhöre, die im Leben der anderen gerade aufgekommen sind. Oder wenn wir uns lachend gegenüber sitzen und in Erinnerungen schwelgen.

Die Gesellschaft lädt zum Mitreißen lassen ein. Die Geschwindigkeit erhöht sich und viele Dinge im Leben werden immer schneller getaktet. Nur keine Zeit verlieren, denn Zeit ist Geld oder wie es so schön heißt. Doch genau dagegen darf sich gestellt werden, um Momente hervorzuheben, die gerade im Fokus stehen. Diese Momente wahrzunehmen im Hier und Jetzt - und nicht in einem offenen Chat, der nachgelesen wird, weil ich beim Kaffee einer anderen Person beschrieben habe, was ich gerade tue und worüber wir reden.

Lasst euch Zeit für das Hier und Jetzt! Euer Alexander

(Alexander Diße macht seit dem 1. September 2019 bei uns sein integriertes Anerkennungsjahr als Religionspädagoge und Sozialarbeiter)

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