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Wegen Umzug abzugeben...

10. September 2019, Torsten Pappert - Geistesblitz

Es ist einer dieser kleinen Zettel.Ein Vordruck. Mit Hand beschrieben. Ein bisschen krakelig.

"Wegen Umzug abzugeben: zwei männliche Zwergkaninchen. Schwarz und braun."

Ich stehe vor der Pinwand im Supermarkt meines Vertrauens. Und ich wundere mich.

Gibt es ernstlich einen Markt dafür? Für schwarze und braune Zwergkaninchen? Männlich?

Der Zettel sticht schon ein bisschen heraus zwischen allen anderen. Stellen werden gesucht, zur Aushilfe. Ein paar Möbel. Etwas Verlorenes vermisst. Eine neue Wohnung.

"Wegen Umzug abzugeben..." Etwas zurücklassen und aufgeben, weil es nicht passt in das Neue.

Passiert übrigens in der kirchlichen Jugendarbeit andauernd. Oder mit den so engagierten Gemeindejugendlichen. Weg von zu Hause. Zur Ausbildung. Zum Studium. Weil es hier keine Arbeit gibt.

Und was passiert? Natürlich suchen sie einen kirchlichen Anschluss, da wo sie angekommen? Nicht wahr?

Meistens nicht,nein. Meistens kommt es anders.

"Wegen Umzugs abzugeben..." ist dann viel von dem, was bisher das Leben geprägt hat. Die Fremde, das Neue, das soll nicht einfach die Forstsetzung sein des alten an anderem Ort. Da bin ich bewusst dann mal bewusst der "verlorene Sohn" und die "verlorene Tochter".

Die bergende Heimat, die routiniert-vertraute Abgeschlossenheit der Kirchengemeinden und kirchlichen Angebote war gut. Aber sie war es. Und sie hat nichts zu tun mit der einladend-gefährlichen Fremde. Sie hat nichts zu tun mit der Herausforderung, ich selber sein zu müssen und zu wollen und zu dürfen.

Die Kirche als alte Heimat ist wie die Eltern: Man lässt sie zurück und hofft, dass sie - wenn es einen wieder mal nach Hause zieht - immer noch so aussehen wie am Tag, als man aufgebrochen ist. Auch wenn das Unsinn ist. Auch deren Leben lebt sich weiter.

Ist das nicht irre schade? Dass uns welche verloren gehen, die ihren Weg erst noch suchen? Ist das nicht irre schade? Dass wir als Kirche den Weg verloren haben.

Jesus zu begegnen war einmal lebensgefährlich. Aber keine Angst! Das ist lange her. Da stand ein Wanderer, wie ein jüdischer Rabbiner. Wild und gefährlich. Und konfrontiert einen mit dem Anspruch Gottes. Dem unbedingten Anspruch, alles stehen und liegen zu lassen und ihm zu folgen. Raus aus dem, was du bisher gelebt hast! Weg von der Routine! Entfessele die Unsicherheit für die Gewissheit Gottes!

Jesus hat den Preis dafür bezahlt. Oder anders: er hat die passende Antwort bekommen. Ans Kreuz, festgenagelt. Schluss mit Rumlaufen und Herausfordern.

Und seitdem hängt er da. Zwei Jahrtausende hölzern und festgeheftet an Kreuzen. In zahllosen Kirchen rund um den Globus. Manchmal sogar betoniert.

Mit dem festgetackerten Jesus ist sie dann vieles geworden, diese Kirche. Machtinstrument, Seelenkontrolleur, Wirtschaftsmaschine... Und dann: Heimat, der Dorfersatz, das geordnete kleine Gemeinwesen, die Begleiterin in den Übergängen des Lebens, ein Museum verdrängter Gefühle, die Wohlfahrtsindustrielle...

Irre schade eigentlich, dass aus der Herausforderung, von der Jesus so unbedingt gesprochen hat, so wenig geblieben ist - auch für die Kirche selber.

"Wegen Umzug abzugeben..." Das ist die Wirklichkeit. Wenn Menschen umziehen ins wirkliche Leben, dann finden sie dabei keine Herausforderung mehr, keinen, der ihnen die Anforderung Gottes weitersagt. Sie finden dort nichts. Nur hinter sich, eine Kirche, die immer "Komm doch zurück!" ruft. Aber dieser Weg ist versperrt. Das Leben liegt nicht hinter mir, sondern vor mir.

Irre schade eigentlich, dass die Kirche nicht die Nägel rauszieht und ihn freigibt, diesen Jesus. Damit er wieder herausfordert, damit er wieder sagen kann, dass Gottes Nähe auf dem Weg ist, im Nachfolgen und nicht im fest ummauerten Raum.

Wann lernen wir also wieder, dass dieser Mann lebensgefährlich ist?

Wann?

Hoffentlich bevor an unseren Kirchen steht: "Wegen Umzug abzugeben! Gott".

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