Kontakt | Sitemap 

Gott ist HOT

10. April 2019, Steffi Krapf - Geistesblitz

Neulich flattert mir eine Einladung ins Mailfach. Das beruhigende Foto zeigt auf honigfarbenem Holz flauschig zusammengerollte weiße Handtücher und eine kleine pinke Orchideenblüte, darüber prangt der Slogan Gott ist HOT. Ein Wellnesstag in der Saunalandschaft AquaLaatzium mit Impulsen und Meditation. Die inspirierende Idee zu diesem Format im Jahr der Freiräume hatte die großartige Anne P. aus der Gospelkirche und sie hatte auch alles gleich geplant und organisiert!So ne Art Schwitzen mit Gott in christlicher Gemeinschaft. Cool, äh beziehungsweise heiß, denke ich mir und sage begeistert zu. Sauna ist eh so komplett meins, also einfach mal ausprobieren. Im Vorfeld bekommen wir noch eine Packliste. Neben dem obligatorischen Zeugs wie Bademantel, Schlappen und Handtuch, benötigen wir Notizbuch, Stift, Bibel, Kopfhörer und Musikabspielgerät - also Handy, um darauf ausgewählte Songs zu laden - den Freiräume-Song und vier von Johannes Falk.

An einem Montagmorgen treffen wir uns im AquaLaatzium. Sechs Frauen wollen erproben, ob Gott hot ist. Dieser scheint unsere Aktion wohl gut zu heißen, denn nach elendigen Wochen, in denen sich der Himmel ausschließlich grau in schwarz zeigte, es unermüdlich regnete, stürmte und Kälte vorherrschte, ist heute endlich mal der Himmel auf und blau und die Sonne strahlt und wärmt. Ein bisschen aufgeregt und kribbelig bin ich schon und in weiser Voraussicht habe ich mir auch noch eine Tüte Mut mit eingepackt. Denn mal ehrlich, Christsein ist ja heutzutage alles andere als en vogue. Und wenn du dann in der Sauna, also im säkularen Raum, die Bibel wälzt oder Händchen haltend im Kreis stehst, dabei noch summst, gemeinschaftlich betest, Leibesübungen oder andere seltsame Handlungsweisen vollziehst, dann denken doch alle, du hast komplett einen an der Waffel! - Hmm, hab ich ja auch, aber... Nun ja und dann müssen wir ja auch noch verbotener Weise unsere Handys mit in die Saunalandschaft schmuggeln, auch wenn wir damit nicht lautstark rum telefonieren wollen, sondern nur die Songs für die Impulse abhören, aber trotzdem... Ein bisschen verrucht besser untergründig komme ich mir schon vor.

Zur Begrüßung umarmen wir uns herzlich, auch wenn sich einige untereinander nicht (oder noch nicht) kennen. Die gemeinsame Aktion und das Christsein verbindet uns. Eine verschwörerische kleine Frauentruppe, die das Leben und Gott in der Sauna gemeinschaftlich zelebrieren und feiern will. Anne verteilt an alle einen Briefumschlag mit Ablauf und Tages-Impulsen. Wir passieren die Eingangsschleuse, werfen uns in unsere Bademäntel und sammeln uns zum ersten Impuls. Mitten in der Saunahalle in einem Rondell neben dem Springbrunnen bilden wir wie selbstverständlich einen Kreis, popeln möglichst unauffällig die Kopfhörer in die Ohren, die Handys heimlich in der Bademanteltasche und hören den Freiräume-Mottosong. Mit der Frage "Welche 5 Kubikmeter willst du aus deinem Leben freiräumen?" gehen wir in die Suvi-Sauna zum Blutorangenaufguss.

Schwitzend sinniere ich darüber, was ich bei mir ausmisten will, um meinem Selbst nahe zu kommen, das unter einem Müllhaufen aus antrainierten Verhaltensweisen dahin vegetiert und auf Entfaltung wartet. Die schweren Eisenkisten aus meinem Keller müssten endlich mal weg, auf dem Recyclinghof entsorgen oder so. Und meine innere Schweinehündin Herta, die mich lähmt, zurückhält und misstrauisch ängstlich verharren lässt, könnte ich jetzt mal in den wohlverdienten Ruhestand versetzen. Ich brauche keinen Wachhund mehr. Gott hat uns nicht gegeben den Geist der Furcht! Naja, und dann noch die ganzen Erwartungen anderer, die mich an die Kette legen und laufen lassen wie ein Zirkuspferdchen. Die Tipps und Ratschläge: Du musst dieses, du musst jenes, so und so muss du sein! Andere kann ich nicht ändern, aber mich selbst! Und ich möchte nicht funktionieren, sondern leben. Lebendig sein! Dieser ganze fremdbestimmte Müll musste weg. All das Schwere, Belastende, Lust abtötende, das Dumpfe, Emotionslose, Lieblose, Verstellte. Nicht authentisch sein, mich verstellen, um in einer Scheinwelt anderen Menschen zu gefallen oder deren Aufträge zu erfüllen. Wir sollen uns nicht in Knechtschaft anderer Menschen begeben, sondern ausschließlich Gott dienen, sagt die Bibel.

Gott war im Flow als sie die Welt gemacht hat. Spielerisch leicht schuf sie Tag und Nacht, Himmel und Erde, Pflanzen, Tiere, Menschen. Alles lebendig, vital, einzigartig. "Wer mich findet, der findet das Leben und erlangt Wohlgefallen von Gott." sagt die Lust (Sprüche 8, 22ff.) Nicht am Reißbrett, nicht am Fließband, nicht monoton, routiniert, angestrengt hat Gott die Welt gemacht, nicht aus Kosten-Nutzen-Kalkül, sondern inspiriert, spielerisch, lustvoll, liebend, leicht. Leicht nicht schwer!

Es riecht verführerisch gut nach Blutorgange und der Schweiß rinnt an meinem Körper hinunter. Einfach rausschwitzen das Giftige, Falsche, das Quälende, das Starre, Angestrengte, das Schwere, stumpfe Dumpfe. Einfach rausschwitzen den ganzen Müll, der meine eigene Lebendigkeit und Lust verkleistert und verklebt. Rausschwitzen und abspülen! Die eiskalte Dusche nach dem Saunagang wirkt reinigend und belebend. Ich stapfte noch durchs mega eiskalte Fußbecken mit den kantigen Kieselsteinen auf dem Grund. Nach diesem Heiß Kalt zischt es in meinem Körper, meine Lebensgeister sind geweckt, mir wird wohlig warm.

Chillen und Sinnieren ist bis zum nächsten Impuls angesagt. Ich lege mich auf eine Liege im Freien, gut eingemummelt in eine Decke, blinzele in die Sonne und höre Fallen lassen von Johannes Falk:
Wir verstecken uns hinter löchrigen Fassaden und unser Leben gleicht oft einer Maskerade.
Wir haben verlernt, unsere Schwächen zu zeigen und sind ganz vorn dabei, gegen unsere Ängste zu streiken, ertrinken im Frust und sind innerlich zerrissen.
Wir schwimmen mit dem Strom, um Stärke zu demonstrieren und fahren gegen die Wand, anstatt die Kurve zu kriegen.
Dabei könnten wir uns Fallen lassen in die Arme, die uns halten.
Wir sollten faaaaaaaallen, in die Arme des Unsichtbaren.

Ja, Maskerade, genau! So oft setze ich Masken auf, zum Beispiel die permanent Fröhliche. Warum eigentlich? Um anderen meine krasse Emotionalität nicht zuzumuten? Meine große Traurigkeit? Dabei ist es schön, miteinander zu weinen. Innige Momente. Angenommen sein, so wie ich bin. Trost. Doch mit meiner penetranten Lache übertünche ich oft meine Traurigkeit. Viel zu oft. Nach wie vor habe ich habe Angst zu fallen, mich fallen zu lassen, obwohl ich mich so sehr danach sehne. Vertraue ich Gott nicht? Noch nicht genug?

Zum nächsten Impuls treffen wir uns auf der Turmspitze über der Suvi-Sauna mit weiten Blick in die Leinemasch. Anne liest aus der Bibel und dann hören wir den Song Alles was ich bin. Eine Art Liebeslied an die Liebe, an Gott. Gott ist die Liebe und Gott in uns, die Liebe in uns. Wir können lieben! Das schönste, größte, wärmste, vitalste, überwältigende Gefühl. Die Liebe. Quelle allen Lebens. Goldene Ströme, rauschende Wasser, licht durchflutete Wälder, rotes pulsierendes Blut, Lebendigkeit. Vollkommenheit.

Beim folgenden Saunagang ziehen meine geliebten Menschen an mir vorüber. Es sind viele. Mein Herz füllt sich. Es fühlt sich voll an. Gut voll. Ich grinse breit. Ein bisschen verschmitzt denke ich noch: Ja, es gelingt mir zunehmend auch, mich selbst zu lieben und zu achten.

Mein Bauch sagt Hunger. Den anderen geht es ähnlich und so schmausen wir gemeinsam im Saunarestaurant Vital-Salat, Fish&Chips und weitere Köstlichkeiten.
Nach dem Essen stellen wir uns für den dritten Impuls gleichmäßig verteilt um das Kaltwasserschwimmbecken. Mit geschlossenen Augen am Beckenrand stehend hören wir den Song Nasse Füße und sollen während des Songs das kalte Wasser mit den Fußsohlen berühren. Verblüfft stelle ich fest, das Wasser ist gar nicht kalt, sondern angenehm warm! Meine Erwartungen gebrochen. Ich öffne die Augen und bemerke eine Frau, die ins Becken steigt und uns seltsam misstrauisch beäugt. Kein Wunder, ist bestimmt komisch, wenn sechs Frauen mit verstöpselten Ohren, im Kreis ums Becken stehen und verklärt in den Himmel schauen. Irgendwie hatte ich auch ganz vergessen, dass heute ja Montag und nicht Sonntag ist, und dass unser Gottesdienst in der Sauna stattfindet. Egal!

Nach der Banja mit tropfenden Birkenzweigen bei 100 Grad, gehe ich in den Ruheraum. Das Kaminfeuer knistert behaglich und ich sinke in einen wohligen Schlummer. Zum nächsten Impuls komme ich zu spät. Alle hantieren mit Bauklötzen und Stiften herum. Anne erklärt mir das geschäftige Treiben. "Wir bauen uns unsere neuen Welt. Alles, was wir dafür benötigen, schreiben wir auf einen Klotz." Ich nehme eine Handvoll und lege los. Liebe! Freiheit! Geborgenheit! Klar, das muss auf jeden Fall mit in die neue Welt. Aber was ist mit all dem, was es hier schon gibt? Die vielen tollen Blumen, das tränende Herz, meine Lieblingsblume, Rittersporn, Märzenbecher, Maiglöckchen, Tulpen, Löwenzahn, Gänseblümchen, Rosen - für Jesus die Christrose und für den Heiligen Geist die Pfingstrose. Und der betörende Duft der Rosen, hmmm! Ach ja, Düfte, ganz viele unterschiedliche Düfte! Die müssen ja auch mit! Der umwerfende Duft blühender Linden zum Beispiel. Und die Linde an sich, so groß und breit, wo sich Verliebte küssen und Herzen in die Rinde ritzen, muss selbstverständlich auch mit! Muss ich das jetzt alles auf ein Klötzchen schreiben? Die reichen doch gar nicht aus! Pragmatisch fasse ich zusammen. Ein Klötzchen für Düfte, eines für Blumen, eines für Pflanzen, eines für Bäume. Und Musik? Instrumente? Ich spiele doch so gern Kontrabass und Klavier? Und Cello, Geige, Pauke, Saxophon, der silbrige Klang der Querflöte und das Bandoneon? Ach ja, getanzt soll in der neuen Welt ja auch werden. Tango! Argentinischer Tango. Heiße Leidenschaft! Das muss alles mit in die neue Welt! Und das Meer? Das beruhigende Meer, ich liebe die Ostsee, die Steilklippen, mit Buchenwäldern bestückt. Und das Mittelmeer! Die kleinen Fischerdörfchen. In einer kretischen Taverne sitzen. Aber auch der Atlantik hat seinen Reiz, das Ungestüme, Wilde! Und der Mond überm Meer. Die Sonne. Und dann noch die vielen tausend funkelnden Sterne. Alles so schön. So schön gestaltet. Ach was schön, vollkommen! Ganz, rund, heile! Alles schon da und wunderbar! Das muss dann doch alles mit in meine neue Welt! Oder nehme ich die Aufgabe mal wieder zu ernst? Bin ich zu perfektionistisch? Habe Angst etwas zu vergessen? Nein, das was Gott geschaffen hat, ist wirklich richtig toll. Nur wir Menschen, machen vieles davon kaputt... Ich muss noch so viel aufschreiben, aber es gibt kein Holzklötzchen mehr, dabei habe ich noch gar nicht meine Lieblingsspeisen aufgeschrieben, genussvoll Essen will ich ja schließlich auch in meiner neuen Welt!

Nach dem Lappland-Aufguss, bei dem wir nach finnischer Art bei einem Getränk in der Sauna plaudern, sitzen wir sechs Frauen bei Feuerkaffee im gemütlichen Aufenthaltsraum. Anne liest uns die Schöpfungsgeschichte vor. Und siehe, es war gut! Und dann bauen wir unsere neue Welt. Aus den beschrifteten Holz-Klötzchen - Liebe, Geborgenheit, Freiheit, Sinnenfreuden, Tanz, Musik, Duft und den neuen ICEs mit Balkonen entsteht unser Bauwerk, das irgendwie einer Arche gleicht. Und was machen wir jetzt damit? Kein Foto! Unsere Arche bleibt in unseren Herzen. "Wir verteilen einfach die Holzklötzchen unauffällig an markanten Stellen auf dem Saunagelände." Das ist die Idee! Verschwörerisch schmunzeln wir uns zu. Jede von uns schnappt sich zwei Handvoll Holzklötze und wir schwärmen aus. Als ich das Klötzchen mit Liebe an einem lauschigen Plätzchen im Freien am Fuß einer Bank platziere, stelle ich mir vor, wie ein verliebtes Paar das Klötzchen findet und das als Zeichen wertet, mir wird ganz warm.

Zum Ausklang des Tages gehen wir Frauen bei einem netten Griechen essen und teilen unser Erlebtes. Wir verabschieden uns und sind uns einig: Gott ist HOT!

Es ist schon lange dunkel. Ein wunderbarer Tag neigt sich dem Ende zu. Ich bin erfüllt, fühle mich wohlig warm, sauber und rein, irgendwie ganz. Auf dem Nachhauseweg denke ich an Gott. Sie hat das Paradies auf Erden bereits geschaffen und uns Menschen mit wunderbaren Fähigkeiten ausgestattet - der Liebe und der Lust. Aber wir Menschen vermüllen unseren Garten Eden und lassen unsere von Gott gegebene Kernkompetenz verkümmern. Warum eigentlich?

Die Kommentarfunktion ist für diesen Artikel deaktiviert.

0 Kommentare